Sehr geehrte Frau Bundesministerin Reiche (Tourismus),
sehr geehrter Herr Bundesminister Schnieder (Verkehr),
mit großer Sorge haben wir in Nordfriesland die Nachricht aufgenommen, dass der zweigleisige Ausbau der Marschbahn zwischen Niebüll und Sylt erst frühestens ab 2045 realisiert werden soll. Dieser Zeitplan ist für unsere Region nicht akzeptabel.
Die Marschbahn ist weit mehr als eine Regionalstrecke: Sie ist die einzige Lebensader für Sylt, die Hauptverbindung für Berufspendler*innen, Schüler*innen, Tourist*innen sowie für die Versorgung der Insel mit Gütern. Jeder Tag zeigt uns, wie störanfällig und überlastet die Strecke aufgrund der eingleisigen Abschnitte ist. Schon heute führen kleinere Störungen zu erheblichen Verspätungen, die die Menschen und die Wirtschaft unserer Region hart treffen. Oft wirken sich diese Störungen auf die gesamte Strecke bis Hamburg aus.
Es ist nicht nachvollziehbar, dass ein bereits weitgehend geplantes und vom Land Schleswig-Holstein vorfinanziertes Projekt faktisch auf Eis gelegt werden soll. Ein Aufschub um zwei Jahrzehnte würde nicht nur die bisherigen Planungen entwerten, sondern letztendlich auch zu massiv steigenden Kosten führen. Zudem sendet er ein fatales Signal an die Menschen in Nordfriesland und insbesondere auf Sylt: dass ihre Mobilität und Versorgung für den Bund offenbar nachrangig sind.
Ein weiterer Aspekt der Verzögerung ist die derzeitige Nutzung von Dieselzügen auf der Marschbahn. Dies hat mehrere negative Folgen:
- Die finanzielle Last für die CO₂-Abgabe wird im Laufe der Jahre steigen, oder es müssten eFuels genutzt werden, die einen erheblichen Mehrpreis gegenüber fossilem Diesel haben und zudem nur begrenzt verfügbar sind.
- Folglich werden die Ticketpreise für die NAH.SH steigen oder, falls das Deutschlandticket weiterhin besteht, der finanzielle Ausgleichsbedarf deutlich höher ausfallen.
- Auch die Preise für Autozugtickets werden steigen, da die zusätzlichen Kosten für CO₂-Abgaben und eFuels auf die Nutzer*innen abgewälzt werden.
Die unmittelbare Folge: Urlaube auf den nordfriesischen Inseln, insbesondere auf Sylt, werden finanziell unattraktiver. Eine Anreise mit der Bahn, die zum einen deutlich klimafrendlicher ist, andererseits aber auch für viele ältere Urlaubsgäste attraktiv ist, da die Insel ohne Umstieg und ohne Fährfahrt mit einem durchgehenden Zug aus dem Süden der Republik zu erreichen ist, wird durch die enorme Störanfälligkeit heute schon immer unsicherer und beschwerlicher.
Das hat direkte Auswirkungen auf die Einnahmen derjenigen, die vom Tourismus leben – sowohl direkt als auch indirekt – und führt zu geringeren Steuereinnahmen für die öffentliche Hand.
Darüber hinaus wird das Landesziel einer Klimaneutralität bis 2040 sowie die angestrebte Klimaneutralität der Bundesrepublik Deutschland bis 2045 erheblich schwieriger zu erreichen sein. Wie sollen die durch den Millionenliter-Dieselverbrauch verursachten CO₂-Emissionen effektiv kompensiert werden, wenn der zweigleisige Ausbau nicht rechtzeitig erfolgt?
Sehr geehrte Frau und Herr Minister, wir erwarten von Ihnen, dass Sie die Marschbahn als das anerkennen, was sie ist: eine für die Region unverzichtbare Infrastruktur, die längst über ihre Belastungsgrenzen hinaus beansprucht wird. Die Verlagerung von Verkehr auf die Schiene, Klimaschutz und die Attraktivität des ländlichen Raums lassen sich nicht verwirklichen, wenn Projekte wie dieses weiter vertagt werden.
Die Menschen in Nordfriesland haben ein Recht auf eine moderne und zukunftsfähige Verkehrsinfrastruktur – nicht erst in 20 Jahren, sondern jetzt.
Mit freundlichen Grüßen
der Kreisvorstand der Grünen in Nordfriesland
die Kreistagsfraktion der Grünen in Nordfriesland
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